Mediencommuniqué

12.10.2016

Appell an die Bündner Regierung: Der Ausbau von Skigebieten ist nicht mehr zeitgemäss!

Chur und Bern, den 12. Oktober 2016, Medienmitteilung

Samnaun und Scuol haben Grosses vor: Die Skigebiete sollen massiv erweitert werden. Bahnen und Pisten würden wertvolle Naturräume und geschützte Landschaften zerstören. Nun debattiert die Regierung über die dafür nötigen Anpassungen des Regionalen Richtplans. Der Druck aus der Region ist gross, dass die Ausbaupläne genehmigt werden und damit die erste grosse Hürde überwunden ist. Die Umweltschutzverbände wehren sich gegen den unnötigen Ausbau der Skigebiete und fordern die Bündner Regierung auf, eine zukunftsweisende Entscheidung zu treffen.


Wenn es nach dem Willen der Touristiker geht, sollen in Samnaun bereits 2020 zwei neue Bahnen zum Salaaserkopf und nach Muller und zwei Anlagen in der Ravaischer Salaas in Betrieb genommen werden. Damit würde das Skigebiet auf einen Schlag um 80 Hektar vergrössert. Damit diese Ausbaupläne realisiert werden können, müssen als erster Schritt die neuen Bahnen und Pisten im regionalen Richtplan Unterengadin aufgenommen und das regionale Landschaftsschutzgebiet Ravaischer Salaas aufgehoben werden.


Die Umweltverbände Pro Natura und WWF Graubünden sowie mountain wilderness und die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz SL haben sich bereits im Dezember 2015 in ihrer Stellungnahme zur Anpassung des regionalen Richtplans sehr kritisch gegenüber dieser Anpassung geäussert (vgl. Kasten). Sie fordern die Regierung nun eindringlich auf, einen zukunftsweisenden Entscheid zu treffen und von der Ausweitung der Skigebiete in Samnaun und Scuol abzusehen. Denn der weitere Ausbau von Skigebieten ist aus verschiedenen Gründen nicht mehr zukunftsfähig:


Klimawandel: Neuste Zahlen gehen davon aus, dass sich bis zum Jahr 2100 die Temperaturen weltweit im Vergleich zur Periode 1986 bis 2000 um fast 5 Grad erwärmen könnten [1]. In der Vergangenheit hat sich aber gezeigt, dass die Temperaturerwärmung in den Alpen etwa doppelt so stark ausfällt wie im Flachland. Im Extremfall würde dies um das Jahr 2100 (also in 85 Jahren, weniger als ein durchschnittliches Menschenleben!) auf 3000 m ü. M. Schneeverhältnisse wie auf heute 1400 m ü. M. bedeuten. Und Skigebiete in dieser Höhenlage sind schon heute nicht mehr jedes Jahr schneesicher.


Energiewende: Skigebiete versuchen verständlicherweise, die Risiken mittels künstlicher Beschneiung abzufedern. Doch schon heute entspricht der Energieverbrauch, der in der Schweiz zur Herstellung von Kunstschnee benötigt wird, dem Strombedarf von 188'000 Zweipersonen-Haushalten und dem Wasserverbrauch der Stadt Bern für ein ganzes Jahr [2].


Veränderte Konsumgewohnheiten: Die Zeiten von „Alles fährt Ski“ sind längst vorbei. Seit 1994 sind die Anzahl Ersteintritte [3] in der Schweiz um rund ein Drittel eingebrochen [4]. Der starke Franken und eine tendenziell ältere und ethnisch diversere Bevölkerung sind ebenfalls Gründe, weshalb der Skisport kein Wachstumsmarkt ist.


Katharina Conradin, Geschäftsleiterin von mountain wilderness Schweiz, bringt es folgendermassen auf den Punkt: „Der Ausbau eines Skigebietes ist ganz klar eine verpasste Chance, auf einen zukunftsfähigen und umweltverträglichen Tourismus umzustellen.“ Die Umweltverbände fordern die Bündner Regierung deshalb mit aller Dringlichkeit auf, den aktuellen Entwicklungen ins Auge zu sehen – gerade in einer Region, die sich eigentlich schon über einen umweltverträglichen Tourismus positioniert! „Skigebietserweiterungen sind ein Rezept aus der Vergangenheit, das auch volkswirtschaftlich längerfristig zum Ballast wird. Der Kanton soll die Destinationen darin unterstützen, umwelt- und sozialverträgliche Alternativen zum Wintertourismus zu entwickeln,“ sagt Jacqueline von Arx, Geschäftsführerin von Pro Natura Graubünden.


Skigebietserweiterungen Samnaun & Scuol: Anpassung des Regionalen Richtplans
Die Anpassung des regionalen Richtplans ist die raumplanerische Grundlage für den geplanten Ausbau der Skigebiete Samnaun und Scuol. Sollte die Anpassung genehmigt werden, wird sie in den kantonalen Richtplan übernommen.


Die Umweltverbände kritisierten die Ausbaupläne für Samnaun bereits im Dezember 2015 in ihrer Stellungnahme zur Anpassung des regionalen Richtplans. Mit der Erschliessung der Ravaischer Salaas soll noch die letzte im Skigebiet ungestörte und wenig berührte Geländekammer erschlossen werden. Hier können sich Gämsen, Steinböcke und Raufusshühner wie Auerwild oder Alpenschneehühner zurückziehen. Die Ravaischer Salaas ist ein wichtiger Lebensraum für diese Wildtiere. Das Gebiet ist zudem eine unberührte und geschützte alpine Landschaft (Landschaft von regionaler Bedeutung), welche mit der geplanten Erschliessung in ihrem Charakter zerstört würde. Ausserdem befinden sich im Gebiet mehrere Naturschutzzonen. Die geplanten Wintersportanlagen stehen deutlich im Widerspruch zu den Schutzzielen dieser Gebiete. Bereits in den 1980er Jahren sollte die Ravaischer Salaas verbaut werden. Damals zeigte ein Gutachten der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission ENHK auf, dass das Gebiet Ravaischer Salaas ein einzigartiges Naturdenkmal und in hohem Mass schützenswert ist.


Auch Scuol möchte das Skigebiet mit der Erschliessung des Val Tiral mit zwei Bahnen auf den Piz Champatsch und auf den Piz Soèr erweitern. Das Val Tiral ist eine unberührte Geländekammer mit grossem Wildreichtum. Geschützte Raufusshühnerarten leben hier, die umliegenden Bergkämme sind Einstandsgebiet von Stein- und Gamswild. Der Lebensraum dieser Tiere würde durch die Erweiterung des Skigebiets Scuol stark gestört und die Tiere zurückgedrängt. Die grosse Vision von Scuol ist die Verbindung nach Ischgl: Diese 8.8 km lange Pendelbahn zwischen Piz Champatsch und Piz Val Gronda soll als Vororientierung im regionalen Richtplan aufgenommen werden. Die Bahn würde durch die nationale Moorlandschaft Val Fenga führen. Es wäre widersinnig, dieses Vorhaben in den regionalen Richtplan aufzunehmen, obwohl es aufgrund des Natur- und Heimatschutzgesetzes nicht bewilligungsfähig wäre.


Weitere Informationen:
Jacqueline von Arx, Geschäftsführerin Pro Natura Graubünden, jacqueline.vonarx@pronatura-gr.ch, +41 81 252 40 39, +41 79 792 23 52
Katharina Conradin, Geschäftsleiterin mountain wilderness Schweiz, katharina.conradin@mountainwilderness.ch, +41 31 372 30 00, +41 79 660 38 66
Raimund Rodewald, Geschäftsleiter Stiftung Landschaftsschutz Schweiz SL, r.rodewald@sl-fp.ch, +41 31 377 00 77, +41 79 406 40 47

 

[1] http://www.eea.europa.eu/data-and-maps/indicators/global-and-european-temperature-3/assessment

[2] Gabi Iseli (2015): Die künstliche Beschneiung in der Schweiz. Eine Forschungsarbeit über die künstliche Beschneiung in der Schweiz durchgeführt von mountain wilderness Schweiz.
[3] Bezieht ein Gast in einem Skigebiet ein Tagespass gilt dies als Ersteintritt (auch Skier-Day genannt). Auch bei mehrmaliger Beförderung auf den Wintersportanlagen wird pro Gast ein Ersteintritt berechnet.
[4] Schweizerischer Seilbahnverband SBS: Fakten & Zahlen zur Schweizer Seilbahnbranche. Ausgabe 2015 und 2014.

Zurück