Ein Blick über die Grenze

Südtirol im August 2000. Interessiert hört die Gruppe aus Graubünden den Ausführungen von Dr. Kammerer zu. "Ja, es ist nicht immer leicht gewesen, es braucht immer wieder das persönliche Gespräch und die Überzeugungskraft. Unterstützung örtlicher Politiker ist immer notwendig gewesen, aber es hat sich gelohnt, wir haben in den letzten Jahren sehr viel erreicht", erklärt der Beamte des Amts für Naturparke aus Bozen.
 

Die Zielsetzung der Naturparks erläutert Roland Dellagiacoma, Chef des Amts für Naturparks folgendermassen: "Es besteht kein direktes ökonomisches Ziel. Vorrang hat der Natur- und Landschaftsschutz. Naturparks sind ökologisch intakte Gebiete von besonderem wissenschaftlichem Wert und sind für die Forschungs- und Umweltbildung und "eventuell" auch für die Erholung der Bevölkerung geeignet." Im Gegensatz zu vielen italienischen Naturparks sind Dauersiedlungen in den Naturparks Südtirols ausgeschlossen. Das vereinfacht die Regelungen.
In der Tat, den Eindruck haben wir auch, als wir die Karte Südtirols studieren. Sieben von acht vorgesehenen Naturparks sind bis heute im Südtirol eingerichtet worden, welches etwa zehn Prozent grösser ist als Graubünden. Die Naturparks nehmen eine Fläche von mehr als ein Viertel der Landesoberfläche ein. "Die Idee hat sich bewährt. Anfängliche Skepsis, zum Teil totale Ablehnung in der betroffenen Bevölkerung ist einer breiten Akzeptanz gewichen.
Dazu war viel Informations- und Überzeugungsarbeit notwendig", erklärt auch Landesrat Dr. Erich Achmüller. Im Naturpark Riesenferner können wir ein Gespräch mit einer Hotelbesitzerin führen. Das Hotel ist in der dritten Generation in den gleichen Händen. Auch sie erklärt spontan: "Die Einrichtung des Naturparks Riesenferner hat sich für uns gelohnt. Wir haben eine bessere Bettenbelegung und eine ausgeglichenere Saison als vorher. Das gilt auch für andere Häuser."

 

Naturpärke können auch wirtschaftlich interessant sein
Naturpärke können auch wirtschaftlich interessant sein: Pragser Wildsee, Naturpark Fanes-Sennes-Prags. Bild: Rolf Keller
Pragser Wildsee, Naturpark Fanes-Sennes-Prags. Bild: Rolf Keller

Dass die Einrichtung eines Naturparks wirtschaftlich lohnend sein kann, ist spätestens anderntags augenfällig. Im Naturpark Fanes-Sennes-Prags unternehmen wir mit einem Parkwächter eine Wanderung vom Pragser Wildsee zu einer etwas höher gelegenen Jausestation (einfache Verpflegungsstätte). Am Parkeingang in der Nähe des Kurhotels aus dem Ende des 19. Jahrhunderts füllen sich die Parkplätze mit Cars und Privatwagen. Am Eingang in den Park steht eine Informationstafel, beim Fahrverbot wird der Besucher auf Dinge aufmerksam gemacht, die im Park nicht zugelassen sind.
Dank gut unterhaltenen Wegen um den See konzentriert sich die Masse der Besucher auf den Rundgang um den See. Den Aufstieg zur etwas taleinwärts liegenden Jausestation schaffen nur noch wenige Besucher. In der Jausestation bei der Alp werden neben Getränken auch kleinere Menüs angeboten. Hinter der Alp sind wir bereits praktisch allein. Dank schwierigen Geländeverhältnissen hat niemand das Bedürfnis, die guten Pfade zu verlassen, obwohl kein Wegegebot besteht. Frei von Störungen kann sich hier die Natur entfalten.


In jedem Naturpark wurde zudem ein Zentrum eingerichtet, welches dem Besucher die Natur- und Kulturlandschaft des Parks zeigt und wo er auch ein reichhaltiges Angebot an Broschüren , Karten und Führern erhält. Auch die Landschaftsgeschichte, die Tourismusentwicklung seit ihrem Anfang und die Kulturlandschaft werden dargestellt. Diese Zentren sind Anlaufstellen für weitere Tourismusangebote aus dem Bereich Natur und Landschaft. Das Zentrum von Toblach ist in einem vorbildlich restaurierten Kurhotel aus der österreichischen Kaiserzeit untergebracht.

Dank weitsichtigen Planern ist es möglich geworden, dem massiven Erschliessungsdruck des Intensivtourismus, vor allem Skigebietserschliessungen und Kraftwerkbauten in unberührte Hochgebirgsregionen, die Naturparkidee entgegenzusetzen.
Ziel des Südtirols 1970 war es, ein Fünftel der Landesoberfläche von der "Grosstechnologie" freizuhalten. Trotz harter Diskussionen setzte sich die Naturparkidee durch. Das Ziel wurde inzwischen übertroffen. Die Naturparks sind im Südtirol zu einem festen Bestandteil des kulturellen Lebens und der Volkswirtschaft geworden.